Herr Brand, sollten Sie geglaubt haben, Ihre neue Tätigkeit als DHB-Manager sei mit weniger Ärger verbunden als der Bundestrainer-Job, dürften Sie jetzt desillusioniert sein ...
Heiner Brand:
Ich bin jedenfalls ziemlich empört und ärgere mich wie verrückt über die jüngsten Entwicklungen und Reaktionen einiger Quertreiber auf unsere Initiativen ...
Sie meinen die jüngste Kritik am Eliteförderkonzept des DHB und speziell am Ehrenkodex für die geförderten Kandidaten?
Heiner Brand:
Sicher, da wird wissentlich falsch dargestellt und verbreitet, worum es uns geht, weil unser Konzept und unsere Ideen einigen Interessen gewisser Stinkstiefel widerstreben. Zumal auch - wie immer - das meiste anonym lanciert und befeuert wird.
Das im Rahmen einer DHB-Pressemitteilung veröffentlichte Eliteförderkonzept des Verbandes soll inhaltliche wie formelle Schwächen ausweisen und rege Diskussionen als auch Kopfschütteln ausgelöst haben. Am heftigsten soll es in der Szene rumort haben, weil der DHB im Rahmen des Ehrenkodex-Katalogs das "letzte Wort" bei Wechseln der Elitespieler beansprucht. Können Sie den Reaktionen-Mix aus Überraschung und Empörung nicht verstehen?
Heiner Brand:
Das ist lachhaft. Die Inhalte - und das ist das scheinheilige an der Kritik - waren doch längst bekannt. Aber der Reihe nach: Wolfgang Sommerfeld und ich haben der HBL im Rahmen der Liga-Klausurtagung unser Konzept in zwei eineinhalbstündigen Workshops am 6. Februar per Powerpoint-Präsentation vorgestellt. Die Reaktionen waren durchweg positiv. Keinerlei Gegenstimmen, nur Lob. Gleichermaßen trug es sich zu, als wir unsere Ideen auf dem letzten DHB-Bundestag präsentierten. Auch mit einem großen Teil der Landestrainer und dem HBL-Präsidium haben wir darüber gesprochen und nur Befürwortung erlebt. Wir haben dabei übrigens auch den weiblichen Bereich keineswegs vergessen und bereits an entsprechender Stelle vorgefühlt. Auch dort wird es zur Umsetzung kommen, wenn man soweit ist. Aber zunächst erschien es uns elementar, die Eliteförderung im männlichen Bereich zu installieren und zu etablieren. Die Resonanz war einhellig positiv. Und jetzt das ...
Von Plagiatsvorwürfen ist gar hinter vorgehaltener Hand die Rede ...
Heiner Brand:
Das wird ja immer absurder. Wir reden doch hier nicht über eine Diplomarbeit. Wir haben ein detaillierteres Papier verfasst, präzisierte Inhalte geliefert zu Themen, die schon kommuniziert worden waren, primär zur Darstellung einer professionellen Herangehensweise an das duale System Spitzensport/Beruf. Und zum Vorwurf, es fehlten Quellen-Hinweise in unserem Papier: Man muss sich doch informieren - und ich habe mich sehr intensiv mit den Konzepten des DFB auseinandergesetzt, hatte mehrmals Kontakt zu Matthias Sammer und mich kundig gemacht. Man kann gute Konzepte und Ideen auch übernehmen oder zumindest Anleihen nehmen, aber dass wir hier etwas abkupfern würden, ist doch ein Scheingefecht. Zumal: Der DFB hat kein Mentoren-System. Unser Eliteförderkonzept hatte nicht den Anspruch, eine Hochglanz-Fibel zu werden. Kein Buch. Wir können bei so etwas nicht DFB-Maßstäbe anlegen. Wenn man glaubt, wir hätten alles übernommen, dann müsste die Liga eigentlich nur noch die Rolle der DFL-Vereine einnehmen - und ich könnte in den Ruhestand gehen, denn dann wären wir in fünf Jahren wieder top.
Der meistkritisierte Punkt ist der Ehrenkodex und der darin enthaltene Passus, bei dem es um die Einflussnahme auf eine Transferentscheidung geht. Dort steht geschrieben "Weisungsbefugnis" ... Ist das etwa nicht angreifbar?
Heiner Brand:
Unser Ehrenkodex enthält 23 Punkte. Wir sprechen hier von Werten, die eigentlich klar verständlich und nachvollziehbar sind. Jeder, dem das nicht möglich ist, muss seine eigenen Werte hinterfragen und hat vielleicht gar keine, Manager, Spielervermittler. Wir reden in dem besagten Punkt doch nicht von einer Kontroll-, sondern von einer neutralen Instanz. Es ist doch völlig klar, dass wir letztlich nicht bestimmen können, wer wohin wechselt. Aber Wolfgang Sommerfeld als Mentor und meine Wenigkeit können bei solchen Weichenstellungen wertvolle Hinweise geben.
Und wie steht es nun um die Verbindlichkeit dieses 23. Ehrenkodex'?
Heiner Brand:
Es kann uns doch keiner ernsthaft unterstellen wollen, wir würden eine jungen Menschen zu etwas zwingen. Es geht doch vielmehr um die Erziehung zu mehr Selbstständigkeit. Mehr Mündigkeit. Dabei erwarten wir aber durchaus, dass in diesem Kreis unsere Meinung gehört wird, dass davon Gebrauch gemacht wird, dass wir uns im Sinne der Spieler vorinformieren, die Umstände beleuchten und die jeweilige Lage sondieren, um unsere Expertise abzugeben, welcher Vereinswechsel für einen jungen Spieler sinnvoll ist und welcher weniger. Bei uns sind die Jungs gut aufgehoben. Wir stehen auch im Dialog mit den Eltern. Das ist ein umfassendes Paket.
Wie sieht das konkret aus?
Heiner Brand:
Unsere Kooperationsebenen sind ja explizit aufgeführt. Es geht darum, zu ermitteln, was den Betreffenden bei einem Wechsel schulisch erwartet, in Sachen Ausbildung und Beruf. Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle: Passt der Spieler in ein bestimmtes Umfeld oder nicht? Und natürlich beurteilen wir die sportlichen Entwicklungsperspektiven und Zukunftschancen. Beispielsweise kann es sinnvoll sein, ein vorliegendes Fünf-Jahre-Angebot abzulehnen und im Sinne der sportlichen und beruflichen Karriere sich nur für zwei Jahre zu binden. Das alles wird vom Mentor im Vorfeld gecheckt. Wir werden bei jedem vorstellig, reden mit Lehrern, dem Schulrektor, dem Vereinstrainer. Wir werden sehr gewissenhaft sein. Aber, noch einmal: Eine verbindliche Instanz, wenn es um den Vertragsabschluss geht, sind wir nicht. Dürften wir ja gar nicht sein. Die Förderspieler haben zwar das Gespräch mit dem Mentor zu suchen, die Entscheidung aber treffen letztlich sie und ihr Umfeld. Übrigens wird das in der Praxis bereits verstanden: Wir haben schon dankbare Eltern getroffen von Jungs, die noch nicht mal Spieler des Elitekaders sind.
Wie verhalten Sie sich gegenüber Spielern, die aus Ihrer Sicht "beratungsresistent" erscheinen?
Heiner Brand:
Ich vertrete die Auffassung, dass man jungen Menschen Fehler zugestehen muss. Es geht bei unserem Ansatz auch darum, die Persönlichkeit und den Charakter mitwachsen zu lassen. Und dazu gehören Fehler. Aber wenn wir auf Dauer keinerlei Resonanz bekommen auf unsere Hinweise, würden wir zwangsläufig schon die Konsequenzen ziehen.
Es gibt kritische Stimmen, die Vereine würden bei Ihrem Vorhaben nicht mit ins Boot genommen ...
Heiner Brand:
Und welche Heckenschützen lancieren das? Ich sagte ja bereits, wir beziehen die Vereine konsequent mit ein. Wolfgang Sommerfeld und ich werden bei jedem vor Ort vorstellig und mit allen Beteiligten sprechen, ob Vereins-Coach, Jugend- oder Cheftrainer, Ausbilder oder Lehrer - alle werden mit einbezogen. Das ist auch schon umfangreich geschehen. Wir reden hier zudem gerade über 15 Spieler der Jahrgänge 92 bis 96 - ein Großteil ist doch schon bei einem Erst- oder Zweitligisten zu Hause, also unter dem Dach der HBL. Und dass wir den Dialog zu den Klubs suchen, ist ja keine neue Entwicklung. Im Gegenteil: Wir wünschen uns ihn noch intensiver als er es bislang war.
Dann stehen Sie aber im Wettbewerb mit den Spielerberatern, denen Ihre Einflussnahme am allerwenigsten schmecken dürfte ...
Heiner Brand:
Das war uns klar. Und irgendwie muss ja der Ehrenkodexkatalog, den wir direkt an die Elitespieler geschickt haben, durch das Umfeld einer der Jungs an die Medien weitergeleitet worden sein. Grundsätzlich widerstrebt dieses Konzept sicher all denjenigen, die primär anders geartete Interessen bei Spielerwechseln verfolgen - also monetäre in erster Linie. Denen geht unser Ansatz sicher gegen den Strich. Wir wollen im Sinne des Spielers und seiner Zukunft beraten und holen jetzt so eine Art moralische Keule raus. Viele neue Freundschaften werden wir vermutlich nicht schließen in Vermittlerkreisen. Aber dessen waren wir uns genauso bewusst wie der Problematik, dass unser Ehrenkodex sich erst durchsetzen wird müssen. Zudem übernehmen wir eine erhebliche Mitverantwortung - gerade, wenn es um Karriere-Planungen junger Menschen geht.
Interview: Frank Schneller
| Zeit | Sender | Sendung |
|---|---|---|
| 02:00 | SKYS1 | Formel 1: Die besten Grands Prix |
| 02:00 | SKYBU | Fußball: Bundesliga |
| 02:30 | SKYS1 | Formel 1: Die besten Grands Prix |
| 03:00 | SKYS1 | Formel 1: Die besten Grands Prix |
| 03:30 | SKYS1 | Formel 1: Die besten Grands Prix |